Leseprobe

Als die Eimer zum einhundertneunzehnten Mal ausgetauscht wurden, ging plötzlich das Licht an. Eine Explosion aus weißer Sonne knallte ihr entgegen und ließ sie mit fest zusammengekniffenen Augen rückwärts taumeln. Die Tränen liefen ihr über die Wangen. Es war ein Gefühl, als bombardierte das Licht ihre Netzhaut. Schmerzimpulse wurden in Wellen ins Gehirn gesandt. Sie konnte nichts anderes tun, als auf die Knie zu sinken und sich die Augen zuzuhalten.
In den darauf folgenden Stunden begann sie langsam den Griff um ihr Gesicht zu lockern und die Augen ein bisschen zu ihr Augenlicht längst eingebüßt zu haben oder es jetzt zu verlieren, wenn sie sich zu schnell umstellte, hielt sie zurück. Und so saß sie auf dem Boden, als die Stimme der Frau zum zweiten Mal Schockwellen durch ihren Körper sandte. Sie reagierte auf den Ton wie ein Messinstrument, das zu kräftig ausschlägt. Mit jedem Wort zuckte ein Stoß durch sie hindurch. Und die Worte waren entsetzlich.
»Herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag, Merete. Gratulation zu zweiunddreißig Jahren. Ja, heute ist der 6. Juli. Du hockst jetzt hier seit hundertsechsundzwanzig Tagen, und das ist unser Geburtstagsgeschenk: Das Licht wird von nun an ein Jahr lang eingeschaltet bleiben. Es sei denn, du kannst uns diese eine Frage beantworten: Warum haben wir dich in dieses Verlies gesperrt?«
»Oh Gott, nein! Das könnt ihr mir nicht antun «, stöhnte sie. »Warum tut ihr mir das alles an?« Sie stand auf, hielt sich die Hände vor die Augen. »Wenn ihr mich töten wollt, dann tut es jetzt«, schrie sie.
Die Frauenstimme war eiskalt. Etwas tiefer vielleicht als beim letzten Mal. »Ruhig, Merete. Wir wollen dich nicht töten. Wir wollen dir im Gegenteil Gelegenheit geben, zu verhindern, dass es für dich immer schlimmer wird. Du musst nur deine eigene Frage beantworten: Warum halten wir dich wie ein Tier in einem Käfig? Die Antwort musst du selbst finden, Merete.« Sie legte den Kopf in den Nacken. Was war das hier für ein Albtraum? Selbst wenn sie die Kraft zum Sprechen gehabt hätte – vielleicht sollte sie besser schweigen. Sich in eine Ecke setzen und sie reden lassen, was sie wollten.
»Du musst antworten, Merete, sonst bist du selbst schuld daran, wenn es immer schlimmer wird für dich.«
»Ich weiß doch nicht, was ihr von mir hören wollt! Geht es um die Politik? Geht es euch um Geld? Ich weiß es doch nicht, Herrgott. Sagen Sie es mir!«
Die Stimme unter dem schwachen Krächzen wurde noch kälter. »Du hast die Probe leider nicht bestanden, Merete. Darum ist nun die Strafe fällig. Sie ist nicht so hart, du wirst sie leicht bewältigen.«
»Oh Gott, ich glaube das alles nicht«, schluchzte Merete und sank auf die Knie.
Da hörte sie, wie das wohlbekannte Zischeln von der Schleuse zu einem flüsternden Pfeifen wurde. Auf der Stelle spürte sie, wie die laue Luft von draußen zu ihr hereinströmte. Sie duftete nach Getreide und Ackerboden und grünem Gras. Das sollte eine Strafe sein?
»Wir erhöhen lediglich den Luftdruck in deiner Kammer auf zwei bar Überdruck. Dann müssen wir sehen, ob du in einem Jahr schlauer bist. Wir wissen nicht genau, welchen maximalen Luftdruck der menschliche Organismus aushält. Aber das finden wir mit der Zeit schon gemeinsam heraus.«
»Lieber Gott«, flüsterte Merete, als sie den Druck auf den Ohren spürte. »Lass das alles nicht wahr sein. Bitte, lass es einfach nicht wahr sein.«
